Kindergeschichte: Die Sache mit der Zeit

Meine Mutter klagt oft:„Ich habe keine Zeit.“ Sie will mein tolles Bild nicht loben und mein Deutschaufsatz interessiert sie auch nicht. Sie sagt, sie sei gestresst. Dann rennt sie durch die Küche, fegt durch den Supermarkt und hetzt mit mir zu Bahn, um Oma zu besuchen. Abends, wenn ich Kika gucke, setzt sie sich dazu. „Ich muss wissen, was Du da guckst.“ Dann nickt sie heimlich ein neben mir. Und vergisst die Zeit.

Meine Oma seufzt oft: „Was sind das bloß für Zeiten.“ Dann holt sie eine Schachtel vom Schrank und zeigt mir graue Bilder mit fremden Menschen drauf. Mit ihren krummen Zeigefinger deutet sie auf einen streng dreinblickenden Mann und sagt mit leuchtenden Augen: „Das da ist Dein Opa.“ Dann erzählt sie von ihrer gemeinsamen Zeit. „Weißt Du“, erklärt sie, damals haben die Menschen ganz andere Sachen getragen als heute. Und es gab auch keine Handys und das Internet und dieses Facebook schon gar nicht. Da haben wir nicht in den Computer geguckt, da hatten wir noch Zeit beieinander zu sitzen und miteinander zu reden. Mama steckt ihren Kopf in das Wohnzimmer und erwidert: „Apropos Zeit, Dein Sohn sollte längst hier sein, ich habe Hunger, wie immer lässt er sich reichlich Zeit.“ Zum Abendessen gesellt sich endlich mein Vater zu uns. Er hat Oma Blumen mitgebracht; Oma strahlt und küsst ihn auf die Wange. Papa rollt die Augen zur Decke, dann blickt er mich an und grinst. „Tut mir leid, dass ich etwas spät bin, ich stand im Stau“. Und Mama fragt fröhlich: „Na, hast du Dich gut amüsiert in Deiner freien Zeit?“

„Papa, Oma sagt, damals, als der Opa noch lebte, hattet ihr noch mehr Zeit.“ Mein Vater zieht die Augenbraue hoch und erwidert: „Also für mich hatte Opa nie Zeit. Er war auf der Arbeit oder im Garten mit seinen Rosen beschäftigt.“ Da verteidigt meine Oma meinen Opa. Sie sagt: „Damals das war ja auch eine schwere Zeit. Da hat man viel arbeiten müssen.“ Und Papa antwortet: „Das ist heute nicht anders, Margret. Trotzdem nehme ich mir für die wichtigen Dinge im Leben Zeit.“

Einmal waren wir im Urlaub und mussten zum Flughafen. Mein Vater schaute aus dem Fenster auf die Kirchturmuhr und sagte: „Wir können langsam machen, es ist noch genug Zeit.“ Doch dann haben wir trotzdem das Flugzeug verpasst. An diesem Tag nämlich wurden die Uhren umgestellt, plötzlich war es Winterzeit. Papa und Mama haben ganz verdutzt geguckt und geschimpft: „Das ist doch wohl wieder typisch für die Spanier, die scheren sich einfach nicht um die Zeit.“ Dann hat Mama noch ein bisschen gegrummelt und schließlich gesagt, ab sofort gucke sie nur noch auf das Handy, da ändere sich die Zeit von alleine.

Mein Hund Klaus hat keine Uhr. Aber er weiß genau, wann es Zeit ist für einen Spaziergang oder das Abendessen. Dann schaut er mich immerzu an, setzt sich neben mich und rennt bei jeder Gelegenheit zu Küche oder Wohnungstür.

Zeit ist komisch. Wenn ich bei meiner Freundin Clara bin, vergeht sie schnell. Hält der olle Tauber seine Mathestunde, steht sie irgendwie still. Meine Oma sagt: „Zeit ist kostbar. Kind, sei froh, dass Du noch jung bist. Du hast noch viel Zeit.“ Und auch Papa findet: Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Also überlege ich laut: „Vielleicht sollte man erst zur Schule gehen, wenn man alt ist. Dann hätte man für seine Kindheit viel mehr Zeit.“ Oma kichert: „Das gefällt mir, ich wache ohnehin immer so früh auf, da könnt’ ich auch gleich aufstehen und mich auf machen in die Schule.“ Und Mama ist schon wieder gestresst. Sie drängelt: „Ihr beiden, wir müssen los, es ist schon spät.“ Oma schaut etwas enttäuscht, dann sagt sie: „Schade, dass ihr schon gehen müsst. Habt ihr nächsten Samstag wieder Zeit?“

 

 

 

 

 

 

27. September 2018

Geschichten für Kinder

Ich bin Mutter einer nunmehr elfjährigen Tochter und so liegt es nahe, dass mich Geschichten für Kinder interessieren.

Viele Jahre habe ich mit Vorlesen verbracht und ab und an tue ich es heute noch. Manche Bücher habe ich unglaublich gerne gelesen und auch stilistisch einiges lernen können. Mit großer Freude und Begeisterung habe ich etwa „Karlsson vom Dach“ von Astrid Lindgren gelesen, „Ein Pferd namens Milchmann“ hat mir Tränen in die Augen getrieben, so witzig hat Hilke Rosenboom diese Kindergeschichte geschrieben. Interessant fand ich auch „Ben liebt Ana“ von dem renommierten deutschen Kinderbuchautor Peter Härtling. Besonders spannend war, dass die Geschichte und ihre Erzählform die Zeit, in der sie entstanden ist, spiegelt – meine Jugend, 1979. Meine Tochter fand das Buch „okay“, sie war der Ansicht, dass es doch wohl eher für jüngere Kinder geschrieben worden sei. Doch die Wahrheit ist eine andere: Die Kinder von heute sind weiter entwickelt als sie es vor 30 Jahren waren. Sie erwarten mehr Action.

Vieles also kann man mitnehmen, liest man Geschichten für Kinder. Als Texterin sind sie für mich auch rein beruflich eine Bereicherung; Kindergeschichten müssen ganz anders aufgebaut werden als etwa Reportagen. Auch dann, wenn es sich um eine Kurzgeschichte handelt. Sie müssen die jungen Leser darüber hinaus sprachlich abholen und sie auch thematisch einnehmen. Ab und an schreibe ich Geschichten für Kinder – mit meiner Tochter als kritischer Leserin im Hinterkopf.

Meine jüngste Kindergeschichte heißt: Projekt Balkonien, und hier können Sie sie anhören.

 

Mehr zum Thema Kindergeschichten gibt es in meinem Portfolio.

 

 

 

 

27. Februar 2017

Und deshalb macht es Sinn

Facebook: Zwei Für und zwei Wider.

 

Facebook ist inzwischen eine der wichtigsten Plattformen zur sozialen Interaktion überhaupt. Dort erfährt man das Neuste von seinen Freunden und Bekannten, dort erhält man Ausgeh-Tipps, dort kann sich in Foren über Fachliches austauschen und ganz generell auf dem Laufenden halten über die Themen seiner Wahl. Ein wenig aber lebt man unter einer Glasglocke; am Ende entscheidet ein Algorithmus darüber, welche Nachrichten in den eigenen Stream gespült werden: Was man gerne liest, davon kriegt man mehr. Der Rest bleibt außen vor. Wer zusätzlich keine weiteren Nachrichten liest und unterschiedliche Quellen konsultiert, ist faktisch einseitig informiert. Das ist ein Aspekt, mit dem es sich kritisch auseinander zu setzen gilt bei Facebook.

 

Moderne Kommunikation, mittelalterlich geführt

 

Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Art und Weise, wie Menschen teilweise auf Facebook miteinander kommunizieren. Bei so vielen scheint die Hemmschwelle zu fallen; beinah wie auf dem mittelalterlichen Marktplatz werden Menschen verbal mit Steinen beworfen. Hass bricht sich Bahn. Es wird beleidigt, getrollt und fertig gemacht. Immer wieder kommt es zu Shitstorms. Niemand, aber auch niemand würde die Boshaftigkeiten, die auf Facebook von sich gegeben werden, einem anderen direkt ins Gesicht sagen. Und nur allzu oft geschieht das unter dem Deckmantel der Anonymität. Hinzu kommt, dass Facebook den Anschein erweckt, man sei „unter sich“. Diskussionen würden in kleinem Rahmen, praktisch am Abendbrottisch oder in der Kneipe geführt. Dem ist nicht so. Zuletzt gilt es zu bedenken, dass Menschen Worte und Sätze unterschiedlich interpretieren. Das mag sogar von der Tagesform abhängig sein. Das geschriebene Wort wird nicht durch Gesten und stimmlichen Ausdruck spezifiziert. Selbst die eingeführten Emoticons reichen da nicht heran. All das macht die Kommunikation via Facebook zur furchtbar sensiblen Angelegenheit; allzu leicht tritt man auf Füße, allzu leicht fühlt man sich auf den Fuß getreten.

 

Und deshalb macht es Sinn

 

Doch auch Gutes passiert. So geschehen nach der Ausstrahlung der ZDF-Reportage „37 Grad“ vor einigen Wochen. Ihr Titel: „22qm Deutschland. Leben auf kleinstem Raum“. Die Reportage drehte sich um drei Menschen, die das Schicksal in winzige Wohnungen, an den Rand der Gesellschaft und in die Einsamkeit genötigt hat. Viele der Zuschauer waren berührt. In Folge führte das dazu, dass ganz konkret Hilfe angeboten wurde. Auf der Facebook-Seite von 37 Grad. Ich hatte diese Reportage ebenfalls gesehen und war bewegt. Auch noch Tage später. Immer wieder dachte ich an die Frau, die zum Ende des Beitrags berichtete, dass sie endlich wieder Kontakt zu ihrer Familie hätte. Sie sogar eingeladen worden sei. Nun endlich erstmals ihre Enkel in die Arme schließen könne. Theoretisch. Denn sie wisse nicht, ob sie hingehen wolle zur Familienfeier, habe sie doch keinerlei Geld für Geschenke. Ich selbst hatte gedacht, dass nur wenige Euro reichen würden, um das möglich zu machen. Ihr damit auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu schenken. Noch während ich diese Gedanken über die Tage mit mir trug, las ich später, dass viele Zuschauer nicht nur ebenso betroffen waren wie ich. Sie hatten gehandelt: Via Facebook-Posts spendeten sie Zuspruch und boten Hilfe an. Ganz konkret. Ganz direkt. Das hat mich tief gefreut. Mich das Gute sehen lassen. Es hat mich daran erinnert, was auf Facebook auch möglich ist: zu helfen. In Kommunikation zu treten. Mit keinem Fernseher der Welt wäre das möglich gewesen. Kein Brief der Welt hätte diese positive Resonanz so vieler im Licht erstrahlen lassen, im Licht der Öffentlichkeit. Wie schön.

 

Mich selbst hat diese Reportage schließlich inspiriert. Ich habe überlegt, wie man die Einsamkeit dieser Frau und auch ihren starken Durchhaltewillen visualisieren und in nur wenige Worte fassen kann. Ich hoffe, dass die beiden Bilder dies ein wenig kommunizieren. #unddeshalbmachtesSinn

 

 

Stille.Einsamkeit

Stille.Einsamkeit

 

Jedem Tag neu mit Hoffnung begegnen.

26. Oktober 2016